1. November 2026
Wann hast du dich zuletzt schön gefühlt?
Eine Freundin hat mich gefragt, wann ich mich zuletzt schön gefühlt habe. Mein erster Reflex war das Badezimmer – und dort lag die Antwort nicht. Warum das Gefühl fast immer woanders entsteht, und was das für die Frage bedeutet, ob sich Kleidung und Pflege überhaupt lohnen.

Dieser Text ist eine persönliche Beobachtung und ersetzt keine Paarberatung.
Vor zwei Wochen hat mich eine Freundin am Küchentisch gefragt, wann ich mich zuletzt schön gefühlt habe. Ich hielt das zuerst für eine Höflichkeitsfrage und wollte etwas über den Friseurtermin sagen. Dann habe ich gemerkt, dass ich die Antwort nicht hatte.
Ich habe an der falschen Stelle gesucht
Mein erster Reflex war das Badezimmer. Morgens, angezogen, kurz bevor ich das Haus verlasse – dort müsste die Antwort doch liegen. Sie lag dort nicht. Was ich morgens im Bad mache, ist eine Prüfung: sitzt, passt, reicht. Eine Prüfung ist etwas anderes als ein Gefühl. Sie kann bestenfalls gut ausgehen.
Die drei Momente, die mir dann eingefallen sind
Der erste war ein Mittwochnachmittag nach einem Termin, der gut gelaufen war. Ich stand noch im Besprechungsraum, den Mantel über dem Arm, und war mit mir einverstanden. Der zweite war ein Fußweg quer durch die Stadt, zügig, weil ich knapp dran war. Der dritte war ein Abend, an dem mein Mann mich im Flur angesehen hat, bevor er irgendetwas gesagt hat.
Drei Situationen, in denen ich mich nicht betrachtet habe. In zweien war ich beschäftigt, in der dritten hat jemand anderes geschaut. Was in keinem der drei Momente vorkam: ein Gedanke an meine Figur, an das Licht, an den Winkel.
Was die drei gemeinsam haben
In allen dreien war ich in Bewegung – körperlich oder gedanklich. Keiner der Momente war geplant, keiner hatte mit dem Aussehen angefangen. Das Gefühl kam als Nebenwirkung von etwas anderem: von Wirksamkeit, von Tempo, von Zugewandtheit.
Vor dem Spiegel ist das schwierig, weil ich dort beides gleichzeitig bin: die, die schaut, und die, die angeschaut wird. Diese Doppelrolle gibt es sonst nirgends im Tag. Deshalb fällt die Antwort dort regelmäßig nüchtern aus. Der Spiegel kann mir sagen, ob der Kragen liegt. Er kann mir nicht sagen, wie der Nachmittag war.
Der ehrliche Teil
Der naheliegende Einwand lautet: Dann kann ich mir die Mühe ja sparen. Kann ich nicht, und ich will es auch nicht. Der gute Mantel, der Termin beim Friseur, der Duft – das alles stellt Bedingungen her. Es sorgt dafür, dass ich an diesem Mittwochnachmittag nicht über meine Bluse nachdenken musste. Das ist viel wert. Es ist nur nicht die Sache selbst.
Seitdem merke ich mir diese Momente, wenn sie auftauchen. Nicht als Projekt und nicht als Liste, dafür sind es zu wenige. Eher so, wie man sich merkt, wo man gut gegessen hat. Interessant ist nämlich weniger der einzelne Moment als das, was sie gemeinsam haben – bei mir offenbar Bewegung und ein Gegenüber. Bei dir ist es vermutlich etwas anderes, und das ist die eigentlich brauchbare Information.
Wann war es bei dir zuletzt? Ich tippe darauf: nicht im Bad.
Bald in dieser Serie: Es geht weiter mit Komplimenten nach vielen gemeinsamen Jahren – und der Frage, warum die allgemeinen nicht mehr ankommen.
Wenn du magst, bekommst du Texte wie diesen einmal pro Woche in den BlogWoman Brief – mit einem Gedanken, der nicht im Blog steht.


