27. Oktober 2026
Nähe, wenn es früh dunkel wird
Hätte er sich im Juli so dicht neben mich aufs Sofa gesetzt, hätte ich gefragt, was los ist. Im Oktober ist es einfach kalt. Warum Nähe in den dunklen Monaten leichter fällt – und was das über Nähe im Rest des Jahres verrät.

Das sind meine persönlichen Erfahrungen und keine Paarberatung. Wenn es bei euch gerade wirklich schwer ist, holt euch professionelle Begleitung.
Halb sechs, Ende Oktober, draußen ist es schon dunkel. Ich sitze auf dem Sofa unter der Wolldecke, die seit zwei Wochen wieder dort liegt.
Mein Mann kommt herein, setzt sich neben mich, zieht die Hälfte der Decke über seine Beine und sagt: „Ist das kalt hier." Mehr nicht. Er greift nach seinem Buch, ich nach meinem Tablet.
Im Juli hätte er sich in den Sessel gegenüber gesetzt. Und hätte er sich im Juli so dicht neben mich gesetzt, ohne jeden Anlass, hätte ich vermutlich gefragt, was los ist.
Nähe, die etwas bedeuten muss
Über diese Frage habe ich danach länger nachgedacht.
Nach vielen Jahren zu zweit wird Nähe nicht unbedingt seltener. Aber sie wird gewichtiger. Wer sich mitten am Tag ohne Grund dicht neben den anderen setzt, sagt damit etwas. Eine Hand auf dem Rücken ist eine Frage. Man bemerkt es, der andere bemerkt es, und beide fragen sich kurz, was es heißen soll.
Ich habe hier im Sommer darüber geschrieben, wie Erwartung eine zärtliche Geste zur Frage macht. Diesmal geht es um das Gegenstück: um Nähe, die gar nicht erst nach etwas aussehen muss.
Im Winter hat sie einen Grund
Im Sommer braucht Nähe einen Anlass. Hat sie keinen, wird sie selbst zum Anlass.
Im Oktober hat sie einen ganz banalen: Es ist kalt. Kalte Füße unter derselben Decke muss niemand erklären. Wer sich im Dezember auf dem Sofa an eine Schulter lehnt, sucht Wärme, und niemand fragt, was das soll.
Gerade deshalb passiert sie häufiger. Nähe, die nichts bedeuten muss, ist die leichteste Sorte Nähe, die es gibt. Sie braucht keinen Mut, keinen passenden Moment und keine Stimmung. Sie braucht eine Decke.
Dunkle Abende sammeln
Dazu kommt etwas, das mir erst in diesem Herbst aufgefallen ist.
Sommerabende verteilen. Draußen ist es bis zehn hell, einer sitzt im Garten, einer ist noch mit dem Rad unterwegs, die Kinder spielen draußen. Der Abend findet an vielen Orten statt, und man trifft sich erst zum Schlafengehen.
Dunkle Abende sammeln. Wo Licht ist, sind die Menschen. Das gilt allerdings nur, solange nicht jedes Zimmer hell ist. Bei mir zu Hause brennt an einem normalen Abend in vier Räumen Licht, und in jedem sitzt jemand für sich.
Seit ein paar Wochen mache ich deshalb etwas sehr Kleines. Wenn die Kinder schlafen, mache ich das Licht in der Küche und im Arbeitszimmer aus. Ohne Ankündigung, nicht demonstrativ. Übrig bleibt die Lampe im Wohnzimmer. Und meistens, nicht immer, sitzen wir eine Viertelstunde später beide darunter.
Was es nicht ist
Ich will das nicht größer machen, als es ist.
Es ist kein Abendprogramm. Es braucht keine Kerzen, keinen Wein und keine Absicht. Wer daraus einen gemütlichen Paarabend baut, gibt der Nähe ihr Gewicht zurück. Dann ist sie wieder so schwer wie im Juli.
Es heißt auch nicht, dass im Sommer etwas fehlt. Der Sommer hat seine eigene Nähe: die langen Abende draußen, das Unterwegssein, die Freunde. Sie ist nur anders gebaut. Im Sommer erlebt man mehr miteinander, im Winter sitzt man mehr beieinander.
Was ich daraus mitnehme
Die dunklen Monate haben einen schlechten Ruf, und vieles daran ist verdient. Das hier gehört nicht dazu.
Sie geben der Nähe etwas, das ihr in einer langen Beziehung oft fehlt: einen Vorwand. Ich habe lange geglaubt, Nähe sei umso echter, je weniger Grund sie braucht. Inzwischen denke ich, dass ein harmloser Grund ihr manchmal mehr hilft als jede gute Absicht.
Bis März ist es kalt. Ich habe vor, das auszunutzen.
Bald in dieser Serie: Es geht weiter mit der Frage, wann du dich zuletzt schön gefühlt hast – und warum die Antwort selten vor dem Spiegel liegt.
Mehr davon im BlogWoman Brief.


