3. September 2026
Was ich meiner Tochter über Körper sagen werde
Ich habe den längsten Teil meines Lebens meinen Körper wie ein Problem betrachtet – so, wie ich es mal gelernt habe. Diese Stimme will ich meiner Tochter nicht weitergeben. Was ich ihr über ihren Körper sagen möchte – und warum das Wichtigste nicht die Worte sind, sondern mein eigener Umgang.

Das sind meine persönlichen Gedanken als Mutter – keine erzieherische, psychologische oder medizinische Beratung. Wenn dich Themen rund um Körperbild oder Essverhalten belasten, kann professionelle Unterstützung ein guter und sinnvoller Weg sein.
Die Stimme, die ich nicht wollte
Ich bin mit einer leisen Dauerkommentierung aufgewachsen. Nicht laut, nicht böse gemeint – aber ständig da. Ich habe meinen eigenen Körper als etwas betrachtet, worüber man sprach wie über eine offene Baustelle: Was gerade nicht passte, was man „in den Griff bekommen" wollte, was man besser kaschierte. Ich habe das nicht als Grausamkeit erlebt, sondern als normal. Und genau das ist das Tückische daran.
Diese Stimme zieht mit. Sie wird zur eigenen, lange bevor man merkt, dass sie irgendwann einmal von außen kam. Ich höre sie bis heute manchmal, wenn ich in den Spiegel schaue oder ein Foto von mir sehe. Sie ist nicht mehr sehr laut, aber sie ist noch da. Und irgendwann, als ich meine Tochter so angeschaut habe, wurde mir mit einer fast körperlichen Klarheit bewusst: Diese Stimme ist etwas, das ich ihr auf keinen Fall weitergeben will.
Was ich nicht tun werde
Bevor ich weiß, was ich sagen will, weiß ich, was ich lassen will. Denn Kinder hören weniger auf das, was wir ihnen erklären, als auf das, was wir vorleben – und die schädlichsten Botschaften sind fast nie die, die man direkt an sie richtet. Es sind die nebenbei gesagten.
Ich werde ihren Körper nicht kommentieren – nicht kritisch und, so seltsam das klingt, auch nicht ständig lobend nach Aussehen. Ich möchte nicht, dass sie lernt, ihr Wert hänge daran, wie sie gerade aussieht. Ich werde meinen eigenen Körper nicht vor ihr schlechtmachen. Kein „ich sehe furchtbar aus", kein Seufzen vor dem Spiegel, kein Herabsetzen als Beiläufigkeit. Und ich werde Essen nicht in gut und böse einteilen, nicht in Belohnung und Strafe, nicht in etwas, das man sich „verdienen" muss. Ich will ihr keine Sprache geben, in der ihr eigener Körper zum Gegner wird.
Das ist harte Arbeit, weil vieles davon reflexhaft aus mir herauskommen will. Aber genau da liegt der Punkt: Es sind meine Reflexe, an denen ich arbeite – nicht ihre.
Was ich ihr sagen möchte
Und dann das, was ich ihr wirklich mitgeben will. Nicht als Rede, sondern in vielen kleinen Sätzen über Jahre.
Dass ihr Körper der Ort ist, an dem sie lebt– nicht das, was sie anderen vorzeigt. Dass er dafür da ist, was er sie tun lässt: laufen, halten, umarmen, lachen, tragen, aushalten, sich erholen. Dass er sich verändern wird, immer wieder, und dass Veränderung kein Versagen ist, sondern einfach das, was ein lebendiger Körper tut. Dass sie Platz einnehmen darf, im Raum und in ihrem eigenen Leben. Und dass ihr Wert an keiner Stelle davon abhängt, wie sie in einen Spiegel oder auf ein Bild passt.
Ich möchte, dass sie ihren Körper als Verbündeten kennenlernt und nicht als Projekt. Als etwas, dem man zuhört, statt es zu bekämpfen. Und zu einem Verbündeten gehört auch, dass man für ihn sorgt – nicht als Optimierung, sondern so, wie man für jemanden da ist, der einem wichtig ist. Diese Fürsorge fängt nicht mit Regeln an, sondern mit Zuhören: erst überhaupt wahrnehmen, ob er müde ist, unruhig, hungrig, durstig, angespannt – und dann auf diese leisen Botschaften auch eingehen, statt sie zu überhören. Das ist keine Disziplin und keine Einteilung in gut und schlecht. Es ist einfach die Antwort auf ein Gespräch, das der Körper ohnehin die ganze Zeit mit einem führt.
Warum das Wichtigste nicht die Worte sind
Der ehrlichste Teil kommt zuletzt, und er ist unbequem. Ich kann ihr nichts geben, was ich nicht selbst übe. Kein noch so kluger Satz wirkt, wenn sie daneben eine Frau sieht, die mit sich hart umgeht. Kinder glauben nicht, was wir sagen. Sie glauben, was wir tun.
Das heißt: Die eigentliche Arbeit liegt nicht bei ihr und nicht in den richtigen Formulierungen. Sie liegt bei mir. Freundlicher mit meinem eigenen Körper zu sprechen, ist keine Selbstverliebtheit – es ist die einzige Form von Botschaft, die wirklich ankommt. Ich lerne das noch. Ich bin nicht fertig damit, und ich werde es wahrscheinlich nie ganz sein. Aber ich habe angefangen, und das nicht zuletzt ihretwegen.
Vielleicht ist das am Ende alles, was ich meiner Tochter über ihren Körper sagen werde: nicht in einem großen Gespräch, sondern darin, wie ich Tag für Tag mit meinem eigenen umgehe. Sie wird nicht auf meine Worte hören. Sie wird zusehen. Und deshalb fange ich bei mir an.
Wenn dich dieser Text begleitet hat: Solche Gedanken teile ich auch im BlogWoman Brief.
Nächste Woche in dieser Serie: Allein, aber nicht einsam: Zeit mit mir selbst. Warum Zeit für mich kein Rückzug aus der Verbindung ist, sondern ein Weg zurück zu mir.


