8. August 2026
Sinnlichkeit beginnt morgens – nicht abends
Ich habe jahrelang vergeblich darauf gewartet, dass sie abends von allein auftaucht. Wie ich gemerkt habe, dass Sinnlichkeit kein Schalter für zehn Uhr abends ist, sondern etwas, das schon beim ersten Kaffee anfängt

Das sind meine persönlichen Erfahrungen – keine Paar- oder Sexualtherapie. Bei echten Krisen: professionelle Beratung.
Ich muss dir etwas gestehen, das ich lange für ein persönliches Versagen gehalten habe. Abends, wenn endlich Ruhe war, die Kinder schliefen und der Moment eigentlich da gewesen wäre – für Nähe, für mich, für irgendein Gefühl von Lebendigkeit –, war da: nichts. Kein Schalter, den ich hätte umlegen können. Ich hatte zwölf Stunden lang funktioniert, und jetzt sollte ich auf Knopfdruck sinnlich sein? Es fühlte sich an, als würde ich ein Auto starten wollen, das den ganzen Tag in der Eiswüste stand.
Ich dachte, mit mir stimmt etwas nicht. Heute weiß ich: Der Fehler lag nicht im Abend. Er lag im ganzen Tag davor.
Der Denkfehler mit dem Schalter
Wir behandeln Sinnlichkeit wie ein Abendprogramm. Etwas, das um zehn beginnt, nach einem bestimmten Stichwort, in einem bestimmten Raum. Den ganzen Tag über sind wir Kopfmensch, Managerin, Fahrerin, Problemlöserin – und dann, ganz am Ende, soll ein Teil von uns erwachen, den wir seit dem Aufwachen ignoriert haben. Kein Wunder, dass er nicht kommt. Man kann nicht zwölf Stunden nur oberhalb des Halses leben und dann in fünf Minuten in den gesamten Körper zurückspringen.
Sinnlichkeit ist kein plötzliches Ereignis. Sie ist wie ein Faden. Und dieser Faden wird morgens viel zu oft gar nicht erst aufgenommen.
Wie mein Morgen heute aussieht
Verändert hat sich bei mir nichts Großes, nur der Anfang des Tages. Ich greife nicht mehr als Erstes zum Handy. Diese zwei Minuten, in denen früher schon zwanzig fremde Dringlichkeiten in meinen Kopf strömten, gehören jetzt kurz mir. Der erste Kaffee wird tatsächlich geschmeckt, nicht nebenbei heruntergestürzt. Manchmal stehe ich einfach eine Minute am Fenster.
Und dann die Sache, über die ich schon einmal geschrieben habe: was sich auf der Haut gut anfühlt. Ich wähle morgens bewusst etwas, das sich gut trägt – nicht für einen Blick von außen, sondern weil ich den ganzen Tag darin stecke. Ein weicher Stoff, ein Duft, der mir gefällt. Kleine Dinge, die den Faden aufnehmen, an dem ich mich abends wieder festhalten kann.
Das ist die Fortsetzung von dem, was letzte Woche anfing: wieder zu Hause im eigenen Körper zu sein. Nur eben zur richtigen Tageszeit. Am Morgen, wenn du deinen Ton für den Tag setzt.
Was das mit dem Abend macht
Das Erstaunliche ist, was am Ende des Tages passiert, wenn ich den Faden morgens aufgenommen habe. Der Abend braucht dann keinen Schalter mehr, weil das Licht nie ganz aus war. Ich bin nicht mehr eine Fremde, die um zehn versucht, sich an ein Gefühl zu erinnern. Ich war den ganzen Tag über in Kontakt mit mir – leise, im Hintergrund, aber vorhanden.
Und ich will ehrlich sein, weil das zu dieser Serie gehört: Es geht bei all dem nicht darum, für jemanden etwas darzustellen. Nicht um Verführung nach Plan, nicht um eine Rolle, die ich abends spiele. Es geht darum, in meiner eigenen Haut wach zu sein. Was daraus mit einem Menschen entsteht, den man liebt, ist dann ein Geschenk – aber es fängt bei mir an, morgens, lange bevor irgendjemand zusieht.
Wenn du dich abends oft fragst, wo dieser Teil von dir hin ist: Such ihn nicht um zehn. Nimm den Faden morgen früh auf, ganz leise, bei der ersten Tasse. Der Abend findet dich dann von allein.
Mehr solcher persönlichen Notizen findest du im BlogWoman Brief.
Nächste Woche in dieser Serie: Der Körper, der Kinder getragen hat – Wertschätzung statt Kritik.


